Blind Spots in the Sun

Blind Spots in the Sun ist eine Reihe von Kunstinterventionen, die sich mit Kolonialismus, kollektivem Gedächtnis und Rassismus in Deutschland beschäftigen.
Der Name Blind Spots in the Sun leitet sich von dem berüchtigten Satz “Auch wir fordern unseren Platz an der Sonne” ab, mit dem der deutsche Außenminister Bernhard von Bülow 1897 die Kolonialpolitik des Kaiserreichs beschrieb. Er spielt auch auf die vielen blinden Flecken an, die es im deutschen Bewusstsein angesichts dieses Kapitels seiner Geschichte noch immer gibt, und wie es dazu beigetragen hat, eine subtilere Form des Rassismus in der deutschen Psyche zu verankern, die bis heute virulent ist. Rassismus wird oft ausschließlich mit rechtsextrem gleichgesetzt. Er fängt aber schon da an, wo man Menschen wegen ihrer Hautfarbe stereotypisiert.
Die große Mehrheit ist sich gar nicht bewußt, dass dies bereits eine Form von Rassismus ist und verletzend sein kann. Der Effekt sind unbewusste Ausgrenzung und Mikro-Aggressionen.

Blind Spots in the Sun versucht, diese blinden Flecken durch künstlerische Interventionen offenzulegen und zum Nachdenken anzuregen. Wir wollen dazu beitragen, dass der Rassismus-Begriff weiter gefasst wird, und dass die weisse Mehrheitsgesellschaft in Deutschland, die sich ja nicht als rassistisch begreift, sich aktiver auseinandersetzt mit weniger sichtbaren Formen des Rassismus und mehr Verantwortung übernimmt, in dem das eigene Verhalten kritisch reflektiert wird.
Dazu finden in diesem Sommer in Kassel eine Reihe von Interventionen statt.

Interventionen

Blinds Spots in the Street: Kunst im öffentlichen Raum

Dieses Projekt ist eine Plakataktion, die auf ungenutzten Großwerbeflächen in Kassel stattfindet.
Es besteht aus einem Wettbewerb, wo Künstler*Innen, Designer*Innen und Illustrator*innen Plakatideen entwickeln sollen, die auf unkonventionelle Art ein Publikum an die Themen Kolonialgeschichte und Rassismus heranführt.
Der zweite Teil der Plakataktion heißt Was Wir nicht sehen in Kassel. Hierzu werden Erfahrungen von Alltagsrassismus, wie er von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Kassel erlebt wird, zeitgleich mit den von der Jury ausgewählten Arbeiten vom ersten Teil von Blinds Spots in the Street plakatiert.

Podiumsdiskussionen und Interviews

Im Rahmen von Blind Spots in the Sun finden im August/September Podiumsdiskussionen und Interviews zu den Themen Kolonialgeschichte und Rassismus in Deutschland statt.

Folgende Personen haben ihre Teilnahme zugesagt:

Mo Asumang ist Filmregisseurin, Fernsehmoderatorin, Bestseller-Autorin, Schauspielerin, Sängerin, Künstlerin und Filmproduzentin. Sie zeigt ihre Dokumentarfilme in Schulen und hält Vorträge über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. 2019 erhielt sie dafür das Bundesverdienstkreuz.

Prinzessin Marilyn Douala Bell ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Kuratorin. Sie ist Urenkelin von Rudolf Manga Bell und Mitbegründerin der Kultureinrichtung doual’art in Duala, Kamerun.

Aram Ziai ist Politikwissenschaftler und Heisenberg-Professor der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel.

Blind Spots in the Sun Ausstellung vom 5.8. – 19.9.2021

In dieser Ausstellung werden die Ergebnisse des Wettbewerbs präsentiert, sowie die Verflechtungen der deutschen Kolonialgeschichte mit afrikanischen Ländern am Beispiel Kameruns dokumentiert. Außerdem werden die Zusammenhänge zwischen den Stereotypen aus der Kolonialzeit mit dem Rassismus, der im Deutschland der Gegenwart existiert, dokumentiert.

In einer zweikanaligen Videoninstallation (s.u.) wird das Leben von Rudolf Manga Bell, das eng mit der Geschichte und Kultur Deutschlands verwoben ist, auf nicht-lineare Weise erzählt.

Blind Spots in the Street: Plakatwettbewerb

>>>Deadline: 15.5.2021







Dieser Wettbewerb ist Teil von Blind Spots in the Sun - einer Reihe von Kunstinterventionen, die sich mit Kolonialismus, kollektivem Gedächtnis und Rassismus in Deutschland beschäftigen.
Der Aufruf richtet sich an Schwarze Künstler*innen, Illustrator*innen und Designer*innen, die selbst Erfahrung mit Rassismus in Deutschland gemacht oder solche, die aus den ehemaligen deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Ruanda oder Burundi stammen oder dort leben.

Der Plakatwettbewerb Blind Spots in the Street hat offiziell begonnen

Henrik Langsdorf — 31.3.2021

Der Plakatwettbewerb läuft!

Der Plakatwettbewerb Blind Spots in the Street hat offiziell begonnen - mit Ankündigungen auf Facebook und Instagram und im Kasseler FRIZZ-Magazin (Bild links).
Dieser Aufruf richtet sich an Schwarze Künstler*innen, Illustrator*innen und Designer*innen, die selbst Erfahrung mit Rassismus in Deutschland gemacht oder solche, die aus den ehemaligen deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Ruanda oder Burundi stammen oder dort leben. Informationen zum Wettbewerb gibt es hier.

Weitere Infos zum Plakatwettbewerb

Henrik Langsdorf — 3 Jan 2021

Kaiser und König

1884 unterzeichnete König Bell vom Volk der Duala zusammen mit Führern anderer ethnischer Gruppen in Kamerun einen “Schutzvertrag” mit deutschen Handelsgesellschaften, der Kamerun faktisch zu einer deutschen Kolonie machte.
1888 wurde Wilhelm II. als Kaiser des Deutschen Reiches vereidigt und wurde ein entschiedener Verteidiger des Kolonialreichs, das Bismarck auf der Berliner Kongo-Konferenz 1884-85 etabliert hatte.

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Henrik Langsdorf — 5.Feb 2021

The Empire struck back

Eine Geschichte über Space, Abenteurer und ferne Kolonien

"Deutschland braucht mehr Platz". Dies war eine der Rechtfertigungen, die im späten 19. Jahrhundert in Deutschland für das aggressive Streben nach Kolonialgebieten verbreitet wurden. Tatsächlich erlebte Deutschland in dieser Zeit ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum, das in großen Städten wie Berlin zu Spannungen führte. Zu einer massiven Siedlerbewegung kam es jedoch nie, und auch gab es letztendlich nie ein wirkliches Platzproblem, was zu massenhafter Auswanderung geführt hätte.
Die deutsche Kolonialgeschichte blieb weitgehend eine Geschichte von Abenteurern, Seeleuten und Händlern, die zum Teil mit Zwangsarbeit auf ihren Plantagen riesige Gewinne erzielten.
Wann immer sich Einheimische gegen die von den Deutschen errichtete Willkürherrschaft wehrten, schlug das Kaiserreich mit brutalen Strafen, Mord, Vergewaltigung und brennenden Dörfern zurück.

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Kaiser und König

1884 unterzeichnete König Bell vom Volk der Duala zusammen mit Führern anderer ethnischer Gruppen in Kamerun einen “Schutzvertrag” mit deutschen Handelsgesellschaften, der Kamerun faktisch zu einer deutschen Kolonie machte.
1888 wurde Wilhelm II. als Kaiser des Deutschen Reiches vereidigt und wurde ein entschiedener Verteidiger des Kolonialreichs, das Bismarck auf der Berliner Kongo-Konferenz 1884-85 etabliert hatte.

König Bells Enkel Rudolf Duala Manga Bell wurde von seinem Vater nach Deutschland geschickt, um die Sprache zu studieren, und wurde ein Liebhaber und Bewunderer der deutschen Literatur und Musik. Als Jurastudent in Bonn wurde aus ihm auch ein überzeugter Anhänger des deutschen Rechtssystems. 1910 wurde Manga Bell als Thronfolger zum König der Duala gekrönt. Vom Kaiserreich wurde er daraufhin als Verbindungsmann zwischen der deutschen Kolonialverwaltung und der einheimischen Bevölkerung eingesetzt.
Um den zunehmend brutalen Übergriffen der Deutschen in Kamerun entgegenzutreten, entschied sich Manga Bell immer für eine Beilegung von Streitigkeiten nach rechtsstaatlichen Prinzipien, etwa indem er immer wieder Petitionen im Deutschen Reichstag einreichte. Er war fest davon überzeugt, dass Deutschland den Vertrag, den sein Großvater unterzeichnet hatte, einhalten würde. Erst als das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II., nachdem es seine Bitten weitgehend ignoriert hatte, durch gewaltsame Enteignung und Vertreibung der Bevölkerung in der Stadt Duala ein Apartheidsystem zu errichten trachtete, griff er – nachdem alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft waren – zum Aufstand. Die Deutschen stellten ihn kurzerhand wegen Hochverrats ohne ordentliches Verfahren vor Gericht und richteten ihn zusammen mit mehreren anderen Anführern durch Erhängen hin.
Am nächsten Tag wurden weitere 200 Personen gehängt. Die Leiche von Manga Bell wurde drei Tage lang hängen gelassen, um ein Exempel zu statuieren.
In Kamerun wird Rudolf Manga Bell, der auch dort lange Jahre in Vergessenheit geraten war, inzwischen als Nationalheld verehrt. Von Deutschland wurde er bis heute nicht rehabilitiert.

When the empire struck back. 

Eine Geschichte über Space, Abenteurer und ferne Kolonien

"Deutschland braucht mehr Platz". Dies war eine der Rechtfertigungen, die im späten 19. Jahrhundert in Deutschland für das aggressive Streben nach Kolonialgebieten verbreitet wurden. Tatsächlich erlebte Deutschland in dieser Zeit ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum, das in großen Städten wie Berlin zu Spannungen führte. Zu einer massiven Siedlerbewegung kam es jedoch nie, und auch gab es letztendlich nie ein wirkliches Platzproblem, was zu massenhafter Auswanderung geführt hätte.
Die deutsche Kolonialgeschichte blieb weitgehend eine Geschichte von Abenteurern, Seeleuten und Händlern, die zum Teil mit Zwangsarbeit auf ihren Plantagen riesige Gewinne erzielten.
Wann immer sich Einheimische gegen die von den Deutschen errichtete Willkürherrschaft wehrten, schlug das Kaiserreich mit brutalen Strafen, Mord, Vergewaltigung und brennenden Dörfern zurück.
Das schlimmste Ereignis dieser Art war, als sich das Volk der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika gegen die deutschen Siedler erhob: Das Kaiserreich schlug mit einem Vernichtungsbefehl gegen die Herero zurück, dem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Es war auch das erste Mal, dass Deutschland Konzentrationslager einsetzte, um Menschen systematisch mit Zwangsarbeit und Unterernährung zu Tode zu schinden.
Die Zahl der Toten, die durch deutsche Kolonialaktivitäten in Deutsch-Ostafrika verursacht wurde, war noch höher als in Deutsch-Südwest. Dennoch glauben viele Menschen in Deutschland immer noch an den Mythos, dass das deutsche Kolonialreich, da es von relativ kurzer Dauer war, “nicht so schlimm” war wie andere Kolonialmächte. Die meisten Deutschen wissen nach wie vor nicht, dass Togo, Kamerun, Tansania, Namibia, Burundi, Ruanda, Neuguinea und zahlreiche andere westpazifische/mikronesische Inseln alle deutsche Kolonien waren – und welche Verbrechen in jedem dieser Länder von den Deutschen begangen wurden.

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